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Leonie, Schildau

Ich glaube, dass ein ganz falsches Bild von Menschen mit einer Behinderung vermittelt wird, weil die Erfahrung und der tagtägliche Kontakt fehlen. Erst dann merken die Leute, dass es bei dem eigentlich genauso läuft wie bei einem selbst.

Gesichter der Inklusion

Ich bin Leonie, 19 Jahre alt und komme aus Schildau. Ich besuche momentan das Berufsbildungswerk in Chemnitz (BBW) und mache da meine blindentechnische Grundausbildung, die mich auf meinen Alltag und auch auf die bevorstehende Ausbildung vorbereitet. Das geht jetzt im September 2023 zu Ende, dann ist mein Jahr quasi vorbei.

Wie es dann weitergeht, weiß ich tatsächlich noch gar nicht so richtig. Ich habe beim BBW theoretisch einen Ausbildungsplatz, aber ich möchte auf dem freien Arbeitsmarkt eine Ausbildung machen und habe da gerade noch Bewerbungen laufen. Aber meine Erfahrung ist tatsächlich so, dass sich viele davor scheuen, Azubis mit Handicap zu nehmen. Eigentlich möchte ich in den Medienbereich. Ich hatte mich beim MDR beworben. Die meinten, das würde mit meiner visuellen Einschränkung nicht funktionieren. Jetzt will ich erst einmal in die Verwaltungsrichtung gehen, also Verwaltungsfachangestellte oder Kauffrau Büromanagement. (Anmerkung der Redaktion: Leonie hat mittlerweile auf dem freien Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz im Bereich Kauffrau/Büromanagement in Leipzig gefunden.) 

Ich sehe schon noch Umrisse und auch Farben. Aber das ist stark von den Lichtverhältnissen abhängig, wie hell und dunkel es ist.

Da komme ich vielleicht gleich zu meiner Einschränkung, das habe ich nämlich noch gar nicht gesagt. Ich habe Zapfen-Stäbchen-Dystrophie. Das ist eine Erkrankung der Netzhaut, wo die Zapfen und die Stäbchen auf der Netzhaut absterben, die quasi für das Licht- und Farbsehen zuständig sind. Die Diagnose habe ich mit sieben Jahren bekommen und dann verlief es in Schüben. Seit 2018 habe ich mein „Blindsein“ anerkannt bekommen. Ich sehe schon noch Umrisse und auch Farben. Aber das ist stark von den Lichtverhältnissen abhängig, wie hell und dunkel es ist. Wie sich die Krankheit entwickelt, ist quasi offen. Sie ist aber genetisch bedingt. Meine Mutti hat das eine kaputte Gen und mein Vater eben das andere. Und ich hatte die minimale Wahrscheinlichkeit, beide Gene zu bekommen, was leider geklappt hat.

In der Vorschule habe ich gemerkt, dass ich in der Ferne nicht mehr sehen konnte. Ich habe beispielsweise Tiere verwechselt. Daraufhin bin ich normal zum Haus-Augenarzt gegangen. Die meinten, ich brauche nur eine Brille für die Weitsicht. Ich musste dann ein Jahr lang meine Augen abkleben, also immer einmal das linke und dann wieder das rechte Auge. Das hatte aber keinen Erfolg gebracht, ganz im Gegenteil, es ist immer schlechter geworden. Dann haben sie uns an die Uniklinik in Leipzig geschickt, und die haben tausend verschiedene Tests gemacht. Dort wurde vermutet, dass ich diesen Gendefekt habe. Deshalb haben sie uns noch zum Gen-Abgleich nach Halle geschickt. Die Grundschule habe ich noch an einer normalen Regelschule gemacht. Aber ich brauchte ab der zweiten Klasse Hilfsmittel, also habe ich ein Tafel-Lesegerät bekommen. Es gibt die normalen Lesegeräte, die sind quasi wie ein Bildschirm, wo untendrunter eine Kamera angebracht ist, um beispielsweise ein Buch zu vergrößern. Ein Tafel-Lesegerät hatte zwei Funktionen. Ich konnte mein Buch damit einscannen und vergrößern. Und es hatte eine schwenkbare Kamera, sodass ich das auch auf die Tafel richten konnte. Ich bin quasi mit der Diagnose eingeschult worden und nach der 4. Klasse hatte ich noch circa sieben Prozent Restsehvermögen. Der größte Teil meines Sehvermögens ist mir in der Grundschule verloren gegangen.

Mir wurde dann aber letzten Endes durch meine Eltern die Entscheidung abgenommen, und dann bin ich nach der 4. Klasse auf die Blindenschule nach Leipzig gegangen.

Danach wollte ich eigentlich zusammen mit einem Schulbegleiter weiter auf eine weiterführende normale Schule gehen. Mir wurde dann aber letzten Endes durch meine Eltern die Entscheidung abgenommen, und dann bin ich nach der 4. Klasse auf die Blindenschule nach Leipzig gegangen. Das war vor allem ein Bruch in meinem Leben. Ich war ja dann alleine. Alle anderen sind hier auf die umliegenden Schulen gegangen, da ist der Kontakt ganz weggebrochen. Das war eine Umstellung. Ich habe trotzdem weiterhin hier gewohnt und bin jeden Tag nach Leipzig gefahren, mit einem Taxi oder später auch mit einem Sammel-Fahrdienst. Wäre das eine Einzelfahrt gewesen, wäre es eine Stunde oder eine Stunde zwanzig gewesen. Aber durch diesen Sammel-Fahrdienst, ich war die erste, haben wir alle Dörfer abgegrast, um alle mitzunehmen, die bis Leipzig mitwollten. Das waren nicht einmal unbedingt Schüler meiner Schule, sondern auch Kinder, die auf die Hörgeschädigten-Schule gingen. Ja, das waren teilweise Fahrten von zwei bis zweieinhalb Stunden. Dadurch ist mir viel Zeit am Tag verloren gegangen. Ich bin 17:00 oder 17:30 Uhr aus der Schule gekommen, früh 5:30 Uhr aus dem Haus, und dann war nicht mehr wirklich viel mit Leben. Deswegen hat es ganz schön lange gedauert, bis ich das so akzeptiert habe. Die Entscheidung war gut. Das konnte ich aber lange nicht so sehen, erst an dem Punkt, wo ich gemerkt habe: Okay, ich werde dort tatsächlich gefördert, und das kommt mir zugute.

In Leipzig war ich, obwohl ich noch gesehen habe, eine derjenigen, die am schlechtesten gesehen hat. Wir hatten auch viele Mitschüler, die Kombi-Erkrankungen hatten, also Autismus mit Sehbehinderung und sowas. Am Anfang habe ich noch viel visuell gemacht, irgendwann war das aber nicht mehr möglich, weil ich meine eigene Schrift im Heft nicht lesen konnte. Dann habe ich irgendwann digital gearbeitet, also mit Laptop und Braillezeile. Eine Lehrerin hatte sich bereit erklärt, sich das anzueignen und mir weiterzuvermitteln. Die Lehrer konnten das alle nicht, denn die meisten Schüler konnten immer noch so gut sehen, so dass sie auf solche Hilfsmittel nicht angewiesen waren. Dann kam die Corona-Zeit, in der ich mir sehr viel selbst beigebracht habe. Das war auch die Phase, wo ich viel von der Krankenkasse bekommen habe. Seit ich in Chemnitz bin, habe ich all mein Können quasi gefestigt. Und es ist noch viel mehr dazugekommen.

Jetzt bin ich unter der Woche tatsächlich im Internat. Das war aber auch eine Umstellung. Ich hätte damals in Leipzig auch aufs Internat gehen können, das war aber ein öffentliches Internat für alle Schulen, die irgendwie ihre Kinder unterkriegen wollten. Und ich wusste eigentlich, dass ich nicht so der Typ dafür bin. Das Jahr in Chemnitz ist irgendwie rumgegangen, aber es hat nicht diesen Zuhause-Status bekommen. Ich habe sonntags immer so ein bisschen das Gefühl: Muss ich jetzt wirklich? Aber es ist schon in Ordnung. Wir sind in Chemnitz 16 Blinde in einem Haus, und auf einer Etage sind sieben Leute. Wir haben eine Küche zusammen, und sonst hat jeder sein Zimmer und sein Bad.

Ich sehe das von zwei Seiten: Auf der einen Seite ist es gut, wenn man unter Gleichen ist, weil man dazulernt, ob es jetzt etwas über Hilfsmittel ist oder auch Lebenserfahrung. Bei der Maßnahme, die ich gerade mache, sind nur Menschen dabei, die irgendwie im Laufe ihres Lebens erblindet sind. Der Älteste bei uns in der Klasse ist, glaube ich, 51 Jahre alt. Er macht es, um seinen Job weiter ausüben zu können. Aber auf der anderen Seite sage ich immer, wenn man immer im gleichen Topf bleibt, mit den gleichen Leuten, und nicht unter Sehende kommt, dann bleibt diese Hemmschwelle, die ich schade finde. Das betrifft gerade Jugendliche, die dann auch Berührungsängste haben. Man will ja auch nicht nur unter Gleichgesinnten sein. Man hat auch sehende Freunde.

Ich bin viel auf TikTok und Instagram unterwegs.

Ich habe in Schildau schon noch zwei, drei Leute, aber es ist echt nicht die Masse. Es ist auch schwierig, selbst wenn man mal weggeht oder so. So viel wird visuell ausgemacht, also dass man sich sieht und dann spricht man die Leute an. Das fällt ja bei mir weg. Ich finde es schon ganz schön schwierig. Ich bin deshalb viel auf TikTok und Instagram unterwegs. Auf Instagram sind die Kontaktmöglichkeiten ein bisschen besser. Klar lernt man da auch mal unter vielleicht zwanzig Leuten einen oder eine kennen, aber im Großen und Ganzen darf man nicht vergessen, dass es das Internet ist. Da kann jeder alles sein.

Auf TikTok tanze ich viel. Mir werden die ganze Zeit diese Tanz-Challenges vorgeschlagen, und dann sage ich zu meiner Mutter: „Kannst du mir sagen, wie die das gerade machen und kannst es mir erklären?“ Und dann stehen wir manchmal einfach in der Stube, sie fasst mich an und zeigt mir, wie die das machen. Ich finde es einfach cool.

Auf TikTok bin ich in den letzten Monaten relativ oft live gewesen. Da kommen dann die Leute rein und stellen ihre Fragen. Und das ist eigentlich auch das, was ich erreichen will.

Auf TikTok bin ich in den letzten Monaten relativ oft live gewesen. Da kommen dann die Leute rein und stellen ihre Fragen. Und das ist eigentlich auch das, was ich erreichen will. Wenn zwischen zwanzig und fünfzig Leute bei einer Live Session dabei sind, kann man quasi eine Gesprächsrunde eröffnen, und dann kommt man von einem Thema zum nächsten. Das ist einfacher, als wenn ich zu jedem Thema ein Video mache.

Meistens fragen die Leute zuerst: „Was ist mit deinem Auge?“ Weil das natürlich offensichtlich ist. Darauf folgen dann meistens die Fragen „Seit wann ist das?“ und „Wie ist das gekommen?“ und „Was machst du?“. Und je nachdem, kommt es dann auch zu tiefgründigeren Themen, oder es bleibt relativ oberflächlich. Auf Instagram versuche ich das nach dem Motto: „Stell mir Fragen“. Meine Erfahrung ist, dass viele Leute auf Social-Media ein bisschen eine Hemmschwelle haben, weil ich sehen kann, wer die Frage gestellt hat. Ich glaube, manchen ist es deshalb unangenehm. Deswegen gehe ich jetzt noch einen anderen Weg, über den mir die Menschen anonym ihre Fragen stellen können. Das klappt auch ganz gut. Ich habe schon deutlich mehr Fragen bekommen, als wenn ich das direkt über Instagram mache. Aber anonym ist halt auch anonym, und da denkt jeder, dass er alles fragen kann. Da muss man auch aufpassen.

Die App heißt Tellonym. Ich bin gerade am Testen, ob sie auch barrierefrei ist. Über die App können mir Leute anonym ihre Fragen stellen. Ich kann sie dort in der App beantworten, aber parallel auch gleich auf Instagram posten. Ich bekomme aber keine Infos zu den Fragestellern.

Ohne die Social-Media-Kanäle wäre es schon schwierig, weil man dann noch abgeschnittener von der Umwelt wäre, als man es ja eigentlich eh schon ist. Ist schon gut so, auf jeden Fall. Es gibt auch ein paar bekanntere Blinde, zum Beispiel Mr. BlindLife.

Ich glaube, dass ein ganz falsches Bild von Menschen mit einer Behinderung vermittelt wird, weil die Erfahrung und der tagtägliche Kontakt fehlen. Erst dann merken die Leute, dass es bei dem eigentlich genauso läuft wie bei einem selbst. Ich merke das anhand der Fragen, die mir gestellt werden. Oft habe ich tausend Fragezeichen im Kopf und denke mir so: „Häh?“. Das sind so Fragen wie: Ob ich mich alleine duschen kann oder ob ich mir alleine mein Essen mache. Ob ich mir alleine meine Sachen heraussuche oder ob das meine Mutti für mich macht. Ich glaube, die denken, wenn man das nicht sieht, rennt man rum wie der letzte Kasper. Solche Fragen wie: Schminkst du dich? kann ich noch verstehen, denn das tue ich ja tatsächlich nicht.

Ich bin beispielsweise ein Schwarz-Träger, und deswegen ist es bei mir nicht ganz so problematisch. Egal, was ich aus meinem Schrank ziehe, es ist schwarz. Wenn ich Sachen kaufe, dann fasse ich die an und speichere mir ab, wie sie sich anfühlen. Zum Beispiel der schwarze Pullover mit dem Aufdruck „Holiday“, der fasst sich so und so an. Und wenn ich dann früh an meinen Schrank gehe und den Stoff in der Hand habe, dann weiß ich: Ah, das ist der schwarze Pullover mit dem „Holiday“-Aufdruck. Ich bin nicht so ein Freund von Online-Shoppen. Ich gehe tatsächlich am liebsten in Leipzig einkaufen, und ich nehme immer noch eine sehende Person mit. In Chemnitz ist das schwierig, da wir ja alle blind sind. Da kann ich nicht sagen: „Komm, wir gehen jetzt mal zusammen shoppen oder so.“

Meine Bewerbungen, die ich gerade laufen habe, sind alle in Leipzig. Wenn ich nach Leipzig ziehen sollte, dann möchte ich am liebsten in einem Randgebiet wohnen. Ich bin kein Großstadt-Typ. Ich habe auch Probleme mit den ganzen Geräuschen, das wird mir schnell zu viel. Das Hören ist bei mir extrem. Auf Dauer ertrage ich großen Straßen und Stadtlärm nicht.

Mittlerweile bin ich an einem Punkt, wo ich sage: „Ich bin damit im Reinen.“

Ich muss sagen, dass ich froh bin, dass ich sehr jung war, als ich diese extremen Schübe hatte. Zu diesem Zeitpunkt konnte und wollte ich nicht so richtig realisieren, was es tatsächlich bedeutet. Es ist aber kein Geheimnis, dass ich eine Therapie gemacht und alles aufgearbeitet habe. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, wo ich sage: „Ich bin damit im Reinen.“ Zum Beispiel nutze ich meinen Blindenstock erst seit zwei Jahren aktiv, obwohl ich seit 2018 offiziell blind bin. Aber ich wollte den nicht nehmen, ich habe mich dafür geschämt, weil ich wusste, es ist dann offensichtlich, was ich habe. Aber jetzt ist es so, dass ich sage: “Es ist mir wirklich egal.“ Selbst wenn jemand da ist, der sich daran stört oder denkt, es wäre lustig, irgendwie einen Gag vor mir zu machen, dann weiß ich, dass das absolut nichts mit mir zu tun hat, sondern dass die andere Person mir deutlich unterlegen ist.

Jetzt kommt das nicht mehr so häufig vor, aber früher als ich mich rangetastet habe, passierte es schon oft. Was mir hängengeblieben ist, dass man auch potentiell zum Opfer wird, weil ja offensichtlich ist, dass man schwächer ist. Beispielsweise kann man Opfer von Raubüberfällen werden. Zum Glück ist es mir nicht passiert. Ich hatte aber eine Situation, da wäre es dazu gekommen, wenn ich nicht agiert hätte. Ich habe mich dann einfach zu anderen Leuten dazugestellt, um aus der Situation rauszukommen.

Als ich noch jünger war, meinte meine Mutter, ich kann Gefahren nicht abschätzen, weil ich das visuell nicht sehe. Für mich ist das aber Quatsch, weil ich das spüre. Ich merke auch in der Bahn, wenn mich Leute angucken, auch wenn ich es nicht sehe. Ich kann schnell für mich festmachen, ob ich mich mit einer Person unterhalten kann oder nicht. Ich merke das durchaus, nur eben nicht auf Grund der visuellen Eindrücke. Und das finde ich auch gut so, weil visuell oft schnell oberflächlich gewertet wird.

Es wird sicherlich immer mal Tage geben, wo man sich sagt: „Das ist echt Scheiße.“ Oder ich denke: “Das hätte ich gern gesehen.“ Jetzt bin ich gerade in dem Alter, wo alle Leute ihren Führerschein machen, und ich weiß, ich werde für immer auf Busse und Bahnen angewiesen sein. Da bin ich auch mal traurig, aber das ist nicht dauerhaft.

In meine Bewerbungsunterlagen schreibe ich rein, dass ich blind bin.

In meine Bewerbungsunterlagen schreibe ich rein, dass ich blind bin. Es wird ja auch gefordert, dass man das offensichtlich macht. Ich habe damit auch kein Problem. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Meine erste Bewerbung hatte ich bei der Bundeswehr. Die hatten mir dann tatsächlich auch einen Ausbildungsvertrag gegeben, aber dann ist es an mir gescheitert. Die Bundeswehr ist dann wieder so groß und so zentral, dass sie keine Berufsschule in Leipzig haben. Ich hätte nach Berlin oder nach Hannover gemusst. Ich hätte mir dort eine Wohnung nehmen müssen und mir im Vorfeld die Gegebenheiten im Umfeld erarbeiten müssen. Und dann wäre ich schon wieder umgezogen. Das wäre so ein Stress gewesen, dass ich abgelehnt haben. War schade.

Dann hatte ich mich beim MDR beworben. Die meinten zu mir, die Ausbildungs-Inhalte wären so visuell angelegt, dass ich das nicht leisten könnte. Tja, zuletzt waren es Stadtverwaltungen und Behörden, wo ich mich beworben habe. Da ist es teilweise daran gescheitert, dass sie noch nicht so digital aufgestellt sind. Logischerweise kann ich keine Post bearbeiten, außer sie kommt per E-Mail. Ich finde es schade, dass es nicht als Chance gesehen wird, die Digitalisierung weiter anzukurbeln. Aber ich lasse mich auch nicht unterkriegen. Oft wird argumentiert, dass es ja einfacher wäre, wenn ich meine Ausbildung an einer Schule mache, die auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist. Aber ich weiß, dass mein Können soweit ist, dass ich auch in einer normalen Berufsschulklasse locker mithalten kann. Es handelt sich um Wissen, was mir auch akustisch vermittelt werden kann: Mathe, Deutsch und so was.

Dann gibt es Leute, die sagen, dass ich mich doch über das Arbeitsamt vermitteln lassen kann. Aber das will ich nicht. Ich will nicht, dass irgendwelche Fördergelder fließen, damit mich irgendjemand nimmt. Das sehe ich einfach nicht ein, weil ich denke, dass mein Können genauso gut ist, wie das von anderen, die sich auf Ausbildungsplätze bewerben.

Ich will noch mehr Leute erreichen und so viele Barrieren wie möglich abbauen.

Meine Ziele: Ich will auf jeden Fall weitermachen, was ich hier gerade auf den Social-Media-Kanälen mache, vielleicht auch noch im größeren Stil. Ich will noch mehr Leute erreichen und so viele Barrieren wie möglich abbauen. Dieses Jahr ist schon viel gelaufen, wie beispielsweise das mit dem Fernseh-Beitrag.

Im März 2023 hatte mich eine Reporterin von der „Torgauer Zeitung“ angeschrieben. Am 5. Mai ist der offizielle Tag der Inklusion. Da bin ich in Torgau immer aktiv. Letztes Jahr habe ich den Stand für die Sehbehinderung und Blindheit betreut und dieses Jahr eben auch. Die Torgauer Zeitung wollte quasi im Vorfeld dazu die ganzen Gesichter vorstellen, die dann am 5. Mai vor Ort sind. In dem Rahmen haben sie mich gefragt, ob wir einen Tag zusammen verbringen wollen, und sie dokumentieren das. Das Ergebnis war dann in der Zeitung zu sehen. Die „Torgauer Zeitung“ hat auch einen Onlinebeitrag veröffentlicht, über den der MDR dann auf mich aufmerksam geworden ist. Und dann haben wir ziemlich kurzfristig einen Beitrag in Chemnitz gedreht. Ich hatte wenig Zeit das alles organisatorisch noch abzuklären und nach Filmrechten zu fragen, weil wir ja auch im Internat gefilmt haben. Aber es hat alles geklappt und der Beitrag wurde dann bei „MDR um 4“ ausgestrahlt. Jetzt bin ich eine kleine Berühmtheit. ????

Im ländlichen Bereich muss noch viel für Inklusion gemacht werden. Das fängt schon beim Busfahren an. Jeder, der selbst kein Auto fährt, ist ziemlich aufgeschmissen. Es gibt auch keine Ansagen im Bus. Ich muss dem Busfahrer sagen: „Könnten Sie mir bitte sagen, wenn die und die Haltestelle ist, da möchte ich raus.“ Verstehe ich gar nicht, denn in allen anderen Bussen gibt es das ja auch. Warum ist das bei uns nicht so? Aber es gibt schon coole Dinge, die ich nutzen kann. Zum Beispiel bietet der EDEKA, wo ich immer einkaufen gehe, eine Einkaufshilfe für gehandicapte Menschen an. Ich melde mich und sage: „Ich möchte jetzt gerne einkaufen gehen. Ist jemand vom Personal da, der Zeit hat?“ Bisher hatte immer jemand Zeit für mich, der dann schnell den Einkauf für mich macht.

Ich würde mir wünschen, dass gerade Inklusion schon früher gelebt wird, dass man die Leute nicht so trennt. Denn dadurch können schon so viele Barrieren abgebaut werden, so dass Berührungsängste und Hemmschwellen gar nicht zustande kommen. Nur so wird es Normalität und es entstehen keine komischen Bilder in den Köpfen der Leute. Es wird immer Menschen geben, die mich trotzdem nicht mögen oder verurteilen werden, aber es wären weniger.

Oft passiert es auch, dass man als Person mit einer Behinderung von einigen Menschen gleich als ‚dumm‘ hingestellt wird, so habe ich das Gefühl. Ich hatte jetzt viele Gespräche, bei denen es um mein Abschluss-Zeugnis ging. Auf dem Arbeitsamt hat man mich gefragt: „Aber das ist schon ein anerkannter Schulabschluss?“ Oder wenn ich sage, dass ich einen Realschulabschluss habe, dass ich gefragt werde: „Waren das dann die gleichen Prüfungen?“ Ja, das waren die gleichen Prüfungen, die alle anderen auch gemacht haben. Das sollte nicht so sein, das finde ich echt schade.

Ich will mich nicht hinter meiner Behinderung verstecken. Wenn man selbstbewusst damit umgeht, erfährt man auch mehr positives Feedback.

Ich glaube aber, dass es auch darauf ankommt, wie man selbst damit umgeht. Ich will mich nicht hinter meiner Behinderung verstecken. Wenn man selbstbewusst damit umgeht, erfährt man auch mehr positives Feedback. Die Leute sind dann irgendwie ein bisschen offener und kommen auf einen zu. Ich bin auch froh darüber, wenn mir Fragen gestellt werden. Es gibt keine dummen Fragen. Leute fragen mich beispielsweise, ob sie meinen Langstock ausprobieren können. Da haben ich nichts dagegen. Bei den Inklusionstagen hatte ich meine Stöcke dabei und habe einen Parkour aufgebaut. Das wollten schon sehr viele machen, mehr als dass sie mich Dinge gefragt haben. Aber ich werde natürlich auch manchmal gefragt, was das für ein Stock ist. „Ist das ein Gehstock oder ein Wanderstock?“

Was ich mir wünschen würde: Geht auf uns zu, ohne viel darüber nachzudenken. Wir sind auch nur Menschen. Das ist auf jeden Fall so eine Message. Und generell: Seid selbstbewusst!

Leonie auf TikTok: https://www.tiktok.com/@_thisisleonie_

Leonie auf Instagram: https://www.instagram.com/leonie.prz_/

Interview geführt am: 20.07.2023

Interview veröffentlicht am: 19.10.2023

 

Portrait von Leonie, sie schmunzelt in die Kamera

Leonie aus Schildau