Skip to main content

Mit Zeichen sprechen

Bilinguales Aufwachsen in der Kita Maxim-Gorki-Straße

Es ist ein normaler Kindergarten… und doch würde jeder Erwachsene, der hier zu Besuch ist, spätestens am Ausgang sagen „Hier möchte ich auch einmal einen Tag lang sein“. Gewöhnlich ist die Kita Maxim-Gorki-Straße nicht. Hier spielen, lernen und lachen Kinder und Erzieher, die hören und gehörlos sind, zusammen – völlig selbstverständlich. Zum pädagogischen Konzept der Kindertageseinrichtung „Maxim-Gorki-Straße 4“ in Dresden-Pieschen gehört das Erlernen der Deutschen Gebärdensprache. Das geschieht eigentlich ganz nebenbei. „Wir vermitteln die Gebärden spielerisch und im Alltäglichen. Ein Gebärdensprachkurs für die Kinder einmal in der Woche wäre uns zu wenig gewesen und hat auch nicht wirklich etwas mit Spracherwerb zu tun", erklärt Leiterin Christiane El Aboudy-Kalz zurückblickend.

Am besten geht das Erlernen einer Sprache durch Muttersprachler. So sind unter den 15 Pädagoginnen im Haus auch zwei gehörlose Mitarbeiterinnen sowie eine Erzieherin mit einem Cochlea Implantat, die die Gebärdensprache als Muttersprache anwenden. „Ich kommuniziere mit meinen Kindern in Lautsprache und mit Gebärden“, erläutert die gehörlose Mitarbeiterin Jeanette Dümichen. „Die Kinder gebärden mit mir, auch wenn es keine ganzen Sätze sind“, berichtet sie stolz. Ihre gehörlose Kollegin Selina Kallauch ergänzt: „Mimik und Gestik unterstützen die Gebärden und das Anliegen. Auch der Augenkontakt zum Kind ist wichtig. Gut sind die Gebärden auch für unsere Kinder mit Migrationshintergrund. Sie verstehen die Zeichen besser. Zum Beispiel, um zu äußern, dass sie Durst haben oder auf Toilette müssen.“ Schmunzelnd berichtet sie noch: Die hörenden Kinder nutzen die Gebärden auch als Geheimsprache vor anderen oder um Regeln im Kindergarten zu umgehen, nämlich beim Mittagsschlaf, wo möglichst nicht (laut) gesprochen werden sollte.“

Damit auch die hörenden Erzieher die Gebärden können, hat das Team jede Woche Unterricht: „Wir hörenden Erzieher gehen einmal in der Woche zum Gebärdensprachkurs. Wir lernen nicht nach bestimmten Lektionen, sondern die Themen sind für die Arbeit im Kindergarten zugeschnitten. Wie zum Beispiel neulich das Thema Fasching“, wie die Leiterin Christiane El Aboudy-Kalz berichtet. In Dienstberatungen und Elterngesprächen übersetzt ein Gebärdensprachdolmetscher. Im Kindergartenalltag verständigen sich die Kollegen untereinander mit Gebärden oder es werden auch Zettel geschrieben.

Der Alltag und die Abläufe der Kindertagesstätte unterscheiden sich nicht wesentlich von anderen Kindertageseinrichtungen. „Unser Tagesablauf ist strukturiert, klar und visualisiert. Es gibt wenig Reize und viele Wiederholungen. Das ist wichtig für gehörlose Kinder“, erklärt die leitende Pädagogin. „Und dies kommt eigentlich allen Kindern zugute“.

Die 98 Kinder zwischen drei und sechs Jahren sind auf sechs Gruppen verteilt. Zum Entdecken, Erkunden und Spielen laden zudem verschiedene Themenräume ein – zum Beispiel der Forscher- und Entdeckerraum, die Kinderküche, die Sinneswelt (mit Musikinstrumenten) oder das Theaterzimmer.

In jedem Raum und an den Türen gibt es Erklärungen und Aushänge mit entsprechenden Gebärden. „Die Kinder sehen sich diese an, probieren sie aus und sind am Ende stolz, es zu können“, beschreibt die Leiterin weiter. Die Gebärden fließen nicht nur in die Gespräche mit den gehörlosen Erziehern ein, sondern ganz natürlich in den Tagesablauf.  „So wird beispielsweise der Tischspruch parallel zum Gesprochenen gebärdet oder die Erzieher zeigen in Gebärden, was es heute zum Essen gibt. Oder Lieder werden ergänzend gebärdet.“ Die Kinder kommunizieren mit ihren gehörlosen Erziehern gemischt – mal mit Händen, mal mit Lauten. Manche Kinder nutzen auch keine Gebärden. „Natürlich plappert ein hörendes Kind zunächst einfach los und geht dann ins Zeigen über, oder andere größere Kinder, die schon etwas länger bei uns sind, kommen hinzu und unterstützen beim Übersetzen“, schildert Christiane El Aboudy-Kalz.

Vorbehalte gegenüber der Gebärdensprache sind weder der Leiterin noch dem Team begegnet. „Bauchschmerzen hatte ich anfangs, was die Eltern denken würden, ob die gesprochene Sprache hier herunterfallen könnte oder wir als Gehörlosen-Kita betitelt werden. Wir sind eine ganz normale Kindertagesstätte.“

2015 hat die Kindertagesstätte in Trägerschaft der Stadt Dresden eröffnet. Die vermuteten Vorbehalte von damals haben sich nicht bestätigt. Die Eltern sehen es vielmehr als Bereicherung an, dass die Kindergartenkinder diese Form von Sprache erlernen. Die Mütter und Väter sind sogar teilweise selbst motiviert, Gebärden zu lernen, und wenden sie im Umgang mit gehörlosen Erziehern auch an. Einen Gebärdensprachkurs für Eltern gab es auch bereits.

Überhaupt ist Sprache in dieser Kindertagesstätte ein großes Thema. „Wir machen bei dem Bundesprogramm Sprach-Kitas mit“, sagt die Leiterin. „Hier geht es um die sprachliche Bildung wie Dialogbereitschaft, Sprache bewusst einzusetzen, deutliches und klares Sprechen im Tagesablauf. Dabei werden wir von unserer Sprachfachkraft unterstützt.“

Die Arbeit der Pädagogen ist immer ein Balanceakt und eine besondere Herausforderung – sie möchten keines der Kinder bevorzugen oder benachteiligen. Auch, wenn momentan kein gehörloses Kind in der Einrichtung ist, bedarf es seitens der Erzieher eines anderen Engagements und Feingefühls. „Wir möchten immer die Waage halten und für alle Kinder im gleichen Maße da sein.  Anfangs fühlten sich die gehörlosen Kinder mehr zu den gehörlosen Mitarbeiterinnen hingezogen, das ist natürlich. Oder es kommt vor, dass sich andere Kinder langweilen, wenn sie warten müssen, weil die Information im Nachgang als Gebärden gezeigt werden“. Ein weiteres Beispiel ist: „Wenn eine Erzieherin vorm Mittagsschlaf eine Geschichte vorliest, tut sie dies zunächst für alle. Entweder macht sie eine Zusammenfassung in Gebärden oder gebärdet danach die Geschichte für das jeweilige gehörlose Kind“. Dies sind Situationen an denen alle wachsen, Geduld und Toleranz erfahren.

Die Kindertagesstätte in Pieschen ist in Dresden die einzige Einrichtung, die Deutsche Gebärdensprache vermittelt. Um das Angebot bekannt zu machen, organisieren unter anderen die gehörlosen Mitarbeiterinnen Jeanette Dümichen und Selina Kallauch den monatlichen „Eltern-Kind-Treff – Fliegende Hände“. Er richtet sich an hörende, bereits für die Kita angemeldete Kinder, und gehörlose Familien mit und ohne Gebärdensprache. Der Treff ist als Ort der Begegnung und des Kennenlernens gedacht. Er ist immer am letzten Mittwoch im Monat zwischen 15.30 Uhr und 17.00 Uhr. Um Anmeldung wird per E-Mail (kita-maxim-gorki-strasse-4@dresden.de) gebeten.

Das Erlernen der Gebärdensprache hat viele Vorteile, nicht nur die Verständigung selbst. Es fördert unter anderen die Konzentration, die Aufmerksamkeit, die kognitiven Fähigkeiten und erleichtert die Kommunikation auch mit Kindern aus Migrationsfamilien. „Wir arbeiten gerade an der Kooperation mit einer Kinderkrippe, damit Gebärdensprache bzw. Babyzeichen noch früher als im Kitaalter zum Einsatz kommen kann“, lässt die Leiterin vorsichtig blicken.

Die Kinder der Einrichtung spielen, entdecken und erkunden ihre Welt inklusiv und vorbehaltlos. Das kann und soll anstecken. Dennoch wünschen sich die Pädagogen, dass die Deutsche Gebärdensprache mehr in der Gesellschaft anerkannt und somit selbstverständlicher wird. Oder kurz und abschließend gesagt: Mehr Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit.

Bilingualer Intergrationskindergarten

Eigenbetrieb Kindertagesstätte der Stadt Dresden
Maxim-Gorki-Straße 4
01127 Dresden

E-Mail: kita-maxim-gorki-strasse4@dresden.de

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

 

Leiterin Christiane El Aboudy-Kalz wünscht sich mehr Öffentlichkeit für die Deutsche Gebärdensprache und wieder mehr gehörlose Kinder in ihrem Kindergarten.

Jeanette Dümichen zeigt die Gebärde für „schlafen“.

Selina Kallauch zeigt die Gebärde „spielen“. Dabei bewegen sich die Hände parallel hoch und herunter.

Schilder am Waschraum – Symbole, Zeichen und Gebärden helfen für das Verständnis.