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Kristina S., Bautzen

Wir sind Gesichter der Exklusion. Wie konnte es soweit kommen?

Tobias hat unser Leben verändert

2007 hat sich mein Leben sehr verändert.
Ich war früher Bank-Kauf-Frau in Frankfurt am Main.
2007 war ich schwanger
Und ich zog mit meinem Mann nach Bautzen.
Unser erstes Kind Patrick kam im Mai 2007 zur Welt.
2009 folgte Tobias.
Tobias stellte unser Leben komplett auf den Kopf.

Kurz nach der Geburt sagte die Ärztin uns:
Tobias hat vielleicht das Down-Syndrom.
Wir wussten es vorher nicht.
Als ich Tobias das erste Mal sah, dachte ich:
Er sieht irgendwie anders aus.
Aber ich habe nicht auf das Down-Syndrom gedacht.

Im Kranken-Haus habe ich zuerst viel geweint.
Ich wollte auch nicht die glücklichen Mütter mit gesunden Babys sehen.
Zum Glück habe ich vorher das Buch „Außer-gewöhnlich“ gelesen.
In dem Buch erzählen Mütter von sich und ihren Kindern mit Down-Syndrom.
Deswegen war es nicht so dramatisch.

Aber ich war auch traurig:
Meine Vorstellung von der Zukunft war weg.'
Und die Vorstellung von meinem Kind war weg.

Mein Mann Andreas war ganz gelassen.
Aber meine Mutter war sehr schockiert.
Sie hat die erste Nacht viel geweint.
Und Freunde und Bekannte waren froh,
dass wir so offen über alles gesprochen haben.

Jetzt ist Tobias schon 11 Jahre alt.

Der Inklusions-Gedanke war uns immer wichtig.
Ich hatte so viel Hoffnung.
Aber jetzt weiß gar nicht:
Sind wir hier richtig bei den Gesichtern der Inklusion?

So ist Tobias:

Tobias verweigert sich von Anfang an.
Er hat bei der Kranken-Gymnastik nicht mitgemacht.
Er benutzte seine Hände nicht.
Und er schrie ständig.
Auch bei der Ergo-Therapie machte er nicht mit.
Und bei der Logopädie und Früh-Förderung auch nicht.
Ich hatte damit große Not!
Aber er hat schnell das Alphabet gelernt.

Heute wissen wir:
Tobias hat autistische Züge.
Aber eine Diagnose bekommen wir nicht.

Wir haben Hilfe gefunden

Unser Glück war Sabine Berndt.
Das ist eine Ergo-Therapeutin in Hamburg.
6 Stunden waren Tobias und ich dort.
Endlich verstand jemand meine Not.
Ich fuhr nach Hause und dachte:
Alles wird gut!

Ein bisschen mehr Arbeit wurde es dann aber doch.
Wir fuhren ab 2011 immer wieder nach Hamburg.
Später fuhren wir nach Bayern.
Weil Frau Berndt umgezogen ist.

Tobias hat seine Verweigerung nie ganz abgelegt.
Aber zuhause ging es immer besser.
Mit 4 fing er an zu lesen.
Es hat ihm sehr viel Spaß gemacht.

Aus aus einem Kind, das schreit und verweigert,
wurde ein förder-bares Kind.
Das hat 6 Monate gedauert.

Das ist meine Arbeit

Dann habe ich bei Frau Berndt eine Ausbildung zur LOVT®-Trainerin gemacht.
LOVT® steht für:
Lösungs-orientiertes Verhaltens-Training.
Wir arbeiten mit Videos.
2016 habe ich die Ausbildung abgeschlossen.

Ich habe in Bautzen meine eigene Praxis eröffnet.
Die Praxis heißt:
„Miteinander wachsen“
Es ist eine sehr spannende und schöne Arbeit.

Probleme mit der Grund-Schule

Aber eigentlich will ich erzählen:
wieso sind wir nicht inklusiv.

Tobias war im Kinder-Garten hier im Ort.
Der Kinder-Garten hat Tobias zum Glück aufgenommen.
Aber dann kam die Einschulung.
Davor graute mir schon Jahre vorher:
Es gab in unserer Gegend keine inklusive Schule.

Nach vielen Mühen haben wir doch eine Schule gefunden:
Eine freie christliche Schule.
Tobias durfte in diese Schule gehen.
Aber nur mit 100% Schul-Begleitung.
Das bedeutet:
Ein Betreuer begleitet Tobias immer in die Schule

Aber das Amt wollte keine 100% Schul-Begleitung zahlen.
Erst vor Gericht wurde entschieden:
Tobias bekommt die Schul-Begleitung.
Und sogar eine Weg-Begleitung.
Heute fährt er schon selbst-ständig mit dem Bus zur Schule.

Die erste Zeit in der Schule war sehr schwierig für alle.
Die Klassen-Lehrerin wollte mit Tobias nichts zu tun haben.
Die Schul-Begleitung machte die ganze Arbeit.

2019 kam Tobias in die 4. Klasse.
Ich stellte wie jedes Jahr einen Antrag auf Schul-Begleitung.
Nach dem Gerichts-Verfahren war das kein Problem mehr.
Aber in diesem Jahr war alles anders.
Das Jugend-Amt sagte mir:

  • Die Schul-Begleitung übernimmt zu viele Aufgaben.
  • Eigentlich sollte die Schule diese Aufgaben übernehmen.
  • Wir zahlen die Schul-Begleitung nicht mehr.

Das Problem ist:
Die Schul-Begleitung übernimmt Aufgaben.
Wenn die Schule nicht genug tut.
Aber dann zahlt das Jugend- oder Sozial-Amt die Begleitung nicht mehr.
Das Kind muss dann an eine Förder-Schule.

Ich war entsetzt.
Unsere Anwältin hat uns geholfen.
So konnte Tobias doch weiter in diese Schule gehen.
Die Schule wollte Tobias ablehnen.
Weil Personal und Geld für die Betreuung fehlt.
Aber Schulen bekommen für jedes Kind mit geistiger Behinderung Geld vom Staat.
Die Schule sagt mir nicht:
wofür verwenden sie das Geld.
Darüber sollte die Politik mal nachdenken.

Die Suche nach einer neuen Schule

Nach der 4. Klasse kommt natürlich der Schul-Wechsel.
Aber wir wusstennicht worhin.
Seine Schule hat eine Mittelstufe.
Aber sie wollen Tobias nicht übernehmen.
Wir werden rausgeworfen.
Das ist nicht christlich.

Wir haben bei vielen verschiedenen Schulen angefragt.
Aber aus verschiedenen Gründen konnten die Tobias nicht annehmen:

  • Sie haben nicht genug Personal.
  • Oder die Schulen sind überfordert.

Das Landes-Amt für Schule und Bildung hat leider auch nicht geholfen.
Mein Eindruck ist leider:
Der Land-Kreis Bautzen hat wenig für Kinder mit geistiger Behinderung verbessert.

Wir haben eine kleine Ober-Schule außerhalb von Bautzen gefunden.
Am Ende war uns aber klar:
Wenn Tobias weiter in eine „normale“ Schule geht,
wissen wir nicht was passiert:

  • Niemand hat Erfahrung.
  • Die Schule ist weiter weg.
  • Wie kommt er hin?
  • Wie reagieren die neuen Kinder?

Wir wollen keine Experimente mehr mit unserem Kind.

Tobias geht in eine Förder-Schule

Das Gute ist:
Wir haben eine gute Förder-Schule gefunden.
Leider ist sie in einem anderen Land-Kreis.
Aber es ist eine sehr angenehme Klasse.
Die Lehrerin ist auch sehr angenehm.
Das war ein ganz neues Gefühl.
Es tut gut, willkommen zu sein.

In der Klasse gibt es einen Jungen mit Down-Syndrom.
In der Pause haben er und Tobias zusammen gespielt.
Vielleicht hat Tobias doch irgendwann einen Freund.
Bisher ist er viel in seiner eigenen Welt.
Aber er spielt ganz toll mit der Baby-Sitterin.

Der Lern-Stoff der Klasse passt sehr gut zu Tobias.
Tobias wird also nach den Sommer-Ferien nicht in die 5. Klasse gehen.
Sondern er wechselt direkt in die Mittel-Stufe.
Das ist komisch:
Tobias ist zu schlecht für die „normale“ Grund-Schule.
Und in der Förder-Schule überspringt er Stufen.

Probleme von Förder-Schulen

Ich habe Zweifel,
ob Förder-Schulen die Kinder wirklich gut fördern.
Wir haben einige Förder-Schulen besucht.
Oft ist der Stoff an Förder-Schulen viel zu leicht.
Es gibt zu wenige inklusive Ansätze.
Lesen, Schreiben, Rechnen wird viel zu wenig unterrichtet.
Zum Teil arbeitet an einer Förder-Schule kein Sonder-Pädagoge.
Ich frage mich:

  • Wieso ist das so?
  • Wissen das die Eltern?
  • Wieso werden die Kinder am Lernen gehindert?

Vielleicht kann nicht jedes Kind Lesen lernen.
Aber wenn ich sowieso schon nichts erwarte vom Kind,
was soll dann herauskommen?
Wir denken jedenfalls:
Lesen ist wichtig für Tobias.
Er muss ja keine Romane lesen.
Wir hatten ein großes Erfolgs-Erlebnis:
Tobias hat in der Zeitung gelesen:
Thomas die Lokomotive kommt im Kino.
Wir sind alle zusammen ins Kino gegangen.

Inklusion ist für alle

Ich weiß nicht:
Wie sieht guter inklusiver Unterricht aus.
Auf jeden Fall gibt es bei inklusivem Unterricht zwei Lehrer.
Und einen Sozial-Pädagogen oder Psychologen.
Inklusive Werte im Team sind auch ganz wichtig.

Das funktioniert noch nicht in unserer Gesellschaft.
Die Behinderten sind immer die anderen.
Aber jeder Mensch kann plötzlich behindert werden.
Deshalb sollen alle Menschen teil-haben.
Egal ob er behindert ist oder nicht.
Das wollen wir doch auch für uns selbst!
Es geht doch nicht nur um Behinderte.
Inklusion beedeutet alle.

Es muss mehr Möglichkeiten in der Gesellschaft geben,
dass alle zusammen sind und Kontakt haben.
Warum fangen wir nicht endlich an?