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Frau Janeck, Leipzig

Insgesamt gehe ich jetzt mit meiner Hörbehinderung viel selbstbewusster um.

Mein Name ist Ines Janeck. Ich bin 46 Jahre alt, komme aus Sachsen-Anhalt und wohne hier in Leipzig. Ich habe zwei Kinder und bin verheiratet. Ich arbeite als Heilerziehungspflegerin im Schichtdienst bei der Diakonie im Bereich Behindertenhilfe.

Es war nicht immer einfach aufgrund meiner Hörbehinderung und der zwei Kinder einen Beruf zu finden, der auch Spaß macht. Früher hatte ich Jobs, wo ich gemobbt wurde oder sehr unzufrieden war. Gemobbt wurde ich aufgrund meiner Behinderung. Ich habe deshalb oft die Arbeitsstellen gewechselt. Vor der Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin war ich Industriekauffrau und habe in Magdeburg gearbeitet. Das waren aber nicht ganz 2 Jahre. Im Gehörlosenverband, bei dem ich in der Lohnbuchhaltung arbeitete, kam die Idee, nach Leipzig zu gehen und die HEP Ausbildung zu absolvieren.

"Ich gab meine 2-Raum-Wohnung und mein geregeltes Einkommen auf. Mit 24 habe ich also noch einmal angefangen, die Schulbank zu drücken."

Damals hatte ich schon Kontakt zu Menschen mit Hörbeeinträchtigungen, weil es mich ja selbst betraf. Immer mehr wuchs der Anreiz mit Gehörlosen oder Hörgeschädigten zu arbeiten. Dann habe ich die Ausbildung angefangen und bin nach Leipzig gezogen. Ich gab meine 2-Raum-Wohnung und mein geregeltes Einkommen auf. Mit 24 habe ich also noch einmal angefangen, die Schulbank zu drücken. 

Dann sah es auch gut aus. Nach der Ausbildung habe ich beim Berufsbildungswerk angefangen, was ja auch mein Plan war. Das war aber leider nur befristet. Dann hatte ich einen guten Job in Günthersdorf, der war aber auch nur befristet. Dann hieß es, dass ich nicht im Schichtdienst arbeiten kann, weil ich eine Behinderung habe.

Wir wissen nicht genau ob meine Hörbehinderung angeboren ist, ich kam 8 Wochen zu früh auf die Welt. Damals gab es die ganze Technik noch nicht, und ich war schon sieben Jahre alt, als man es festgestellt hat. Die Erzieherin ist drauf gekommen, und dann sind wir von Arzt zu Arzt gerannt. Es war auch nicht viel Geld da, deshalb habe ich nur ein Hörgerät bekommen. Ich musste dann nach Halberstadt in die Sonderschule. Danach habe ich in Leipzig meine Ausbildung zusammen mit anderen Schwerhörigen gemacht. So habe ich die Gebärdensprache gelernt. Darüber habe ich auch viele Bekannte und Freunde gefunden, die waren damals in der ganzen DDR verstreut und teilweise auch in Westdeutschland. Wir sind alle gut vernetzt. 

Ich habe gute Hörgeräte, die ich anteilig selber bezahlen muss. Es sind nicht die Kassengeräte, bei denen man nichts versteht. Ich bekomme ja kein Gehörlosengeld, ich bin ja nur schwerhörig. Ich habe ca. 2000 € dazu bezahlt. Die Hörgeräte, die ich davor hatte waren echt gut, aber die haben nicht lange gehalten. Und jetzt wollte ich ein Hörgerät, das mit Smartphone steuerbar ist. Es hat auch eine Spule drin, damit ich auch ins Kino gehen kann. Dann kann ich mit dem Smartphone auf Hörschleife stellen. Aber es gibt nicht viele Kinos, wo das geht. 

Ich war letztens im Anker Leipzig e.V. zum Konzert, das Gebäude haben sie neu gemacht. Ich wollte meine Spule ausprobieren, aber es gibt keine Hörschleife dort. Es wurde für viele Millionen Euro umgebaut, aber daran wurde nicht gedacht. Ich gehe, wenn ich ins Kino will, in den Regina-Palast in Leipzig, weil ich dort weiß, dass es eine Hörschleife gibt. Bei deutschen Filmen ist es in Ordnung, dort brauche ich die Schleife nicht unbedingt. Aber wenn es synchronisierte Filme sind, dann brauche ich sie, denn ich lese von den Lippen ab. 

"Früher, wenn ich aus der Schule gegangen bin, hatte ich die Hörgeräte in der Tasche. Aber das mache ich jetzt nicht mehr."

Insgesamt gehe ich jetzt mit meiner Hörbehinderung viel selbstbewusster um. Früher wenn ich aus der Schule gegangen bin, hatte ich die Hörgeräte in der Tasche. Aber das mache ich jetzt nicht mehr. Die Hörgeräte früher waren natürlich auch viel größer als heute. Die Technik ist jetzt viel weiter vorangeschritten. Neben der Smartphone-Steuerung habe ich auch noch ein anderes kleines Gerät, das ich aber selber bezahlen muss. Es ist gut für Besprechungen oder Meetings. Es ist ein kleines Mikro, das man dem Sprecher oder Vortragenden anklipsen kann. Dann geht es direkt ins Hörgerät was derjenige sagt. Das muss man auch nicht über das Handy steuern, sondern kann per Bluetooth alles direkt ins Hörgerät übertragen. Es klingt dann als würde derjenige direkt neben mir sitzen. Ich benutze dieses Mikro z.B. auch im Auto, wenn mein Sohn hinten sitzt und mit mir sprechen will. Ich habe mir noch Bluetooth-Kopfhörer geholt, damit höre ich jetzt wunderbar beim Fernsehgucken. Aber die Technik kostet natürlich viel Geld. Beim Fernsehen ist ja leider noch nicht alles untertitelt, darum kämpfen wir ja auch schon jahrelang.

„Der technologische Fortschritt ist schon toll, wenn es nur nicht so teuer wäre.“

Ich habe eine App für mein Hörgerät. Damit kann ich auch schauen, wann die Batterie alle ist. Die ganzen Programme sind vom Akustiker eingestellt. Der technologische Fortschritt ist schon toll, wenn es nur nicht so teuer wäre. Ich bekomme zwar von der Krankenkasse einen Zuschuss, der auch höher ist als vor 6 Jahren, aber das reicht nicht. Was leider weggefallen ist, ist das Integrationsamt. Das ist sehr schade. Denn wenn man berufstätig war, ist das Integrationsamt gekommen und hat sich den Arbeitsplatz angeschaut und hat dann entsprechend Zuschüsse gewährt.

Seit sieben Jahren arbeite ich bei der Diakonie in der Behindertenhilfe. Dort werde ich auch nicht gemobbt, es ist wie eine große Familie. Aktuell habe ich meine Stelle gewechselt weil ich körperlich nicht mehr so leistungsfähig bin. Ich habe früher in der Pflege gearbeitet, aber ich hatte starke Schmerzen vor allem im Rücken. Deshalb habe ich jetzt eine neue Stelle. 

„Inklusion ist für mich selbstverständlich.“

Meine Gebärdensprachkenntnisse nutze ich eher selten im Beruf. Bei meiner jetzigen Arbeit gebe ich aber z.B. eine Inhouse-Schulung zum Thema Gebärdensprache. In der Pflege habe ich wenige gehörlose Menschen betreut, eher Menschen mit einer geistigen Behinderung. Ich habe aber immer versucht die Menschen, die ich betreue, auch in kulturelle Aktivitäten einzubinden, z.B. Konzerte und Museen. Inklusion ist für mich selbstverständlich. Es müsste aber noch viel mehr gemacht werden es fehlt an allen Ecken und Enden.