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Insel + Meile: Dr. Susanne Oesterreich & Astrid Klinge, Leipzig

Die Gesellschaft ist divers und das muss sich auch im Museumsbereich abbilden.

Klinge: Wir haben im Jahr 2014 angefangen, uns mit dem Thema Inklusion im Museum zu beschäftigen und sind nun gerade doch selbst überrascht, dass das wirklich so lange her ist.

Wir beide arbeiten schon seit einigen Jahren zusammen. Im vergangenen Jahr 2018 haben wir gemeinsam die Agentur INSEL + MEILE gegründet. Schwerpunktmäßig arbeiten wir in den Bereichen Museumsberatung und Ausstellungskonzeption. Dabei berühren wir das Thema Inklusion und Barrierefreiheit in verschiedenen Zusammenhängen.

In unserer täglichen Arbeit erfahren wir oft, dass im Inklusionskontext Berührungsängste oder Unsicherheiten da sind, oder die neuen Aufgaben als zusätzliche Arbeit gesehen werden. Denn meistens sind die Museumsmitarbeiter*innen bereits sehr ausgelastet, und dann kommt eben noch ein Schippchen oben drauf. Das bringt gerade kleine Häuser wirklich an ihre Grenzen.

Zunächst muss man sich Gedanken machen, sich mit dem Thema auseinandersetzen und überlegen, was man wie umsetzen kann. Unsere Empfehlung ist es, ein Inklusionskonzept mit Zielen, Maßnahmen und Umsetzungsmöglichkeiten zu erstellen. Für viele Museen ist natürlich der finanzielle Aspekt entscheidend: Zwar lässt sich einiges mit kleinem Budget machen, aber wenn es um bauliche Zugänglichkeit, ein taktil erfassbares Leitsystem oder inklusive Ausstellungsgestaltung geht, kommen zum Teil hohe Kosten auf die Museen zu. Oft fehlt auch das Know-How. Interessanterweise haben Museumsmitarbeiter*innen, die sehr engagiert sind, oft eine private Motivation, weil sie in der Familie oder im Freundeskreis Menschen mit Behinderungen haben. Für andere, die gar keine Kontakte zu Menschen mit Behinderung haben, ist das wie eine andere Welt. Sie fragen sich, wie sie Inklusion gestalten sollen, und wollen bloß nichts falsch machen.

Wir haben schon immer Weiterbildungen für Museumsmitarbeiter*innen angeboten. Da versuchen wir, verschiedene Bereiche abzudecken, die für die Mitarbeiter*innen relevant sind, und Lücken zu schließen. Als dann Inklusion auch gesellschaftspolitisch immer wichtiger wurde, haben wir das Thema auch einbezogen. Es war zwar nicht immer selbstverständlich, aber Museen versuchen nun schon seit Jahren, sich ganz unterschiedlichen Besucher*innen zu öffnen. Sie wollen ausdrücklich auf verschiedene Zielgruppen eingehen, z. B. auf Kinder, Eltern mit Kinderwagen und überhaupt ganz verschiedene Gruppen.

Oesterreich: Mich persönlich hat der Gedanke der Publikumsorientierung zur Inklusionsarbeit geführt. Das Museum steht im Dienst der Gesellschaft, und wenn man diesen Anspruch ernst nimmt, dann muss das Museum auch für alle Menschen offen sein – und nicht nur für Menschen, die in der Lage sind, die Treppen hoch zu laufen, oder die sehen können. Die Gesellschaft ist divers und das muss sich auch im Museumsbereich abbilden.

Ich habe Zwillinge und so manches Mal, wenn ich mit unserem Doppel-Kinderwagen unterwegs war, habe ich gedacht, wie schwierig und frustrierend es sein muss, wenn man im Rollstuhl im öffentlichen Raum unterwegs ist. Man kommt in Läden nicht um die Ecke, weil da ein Aufsteller steht, und man kommt nicht den schmalen Fußweg entlang, weil da eine Mülltonne steht. Das Fortbewegen mit dem Kinderwagen ist natürlich etwas Anderes als mit dem Rollstuhl, aber die Durchfahrtsbreiten sind ähnlich. Man passt z. B. auch nicht in jeden Fahrstuhl. Das hat mich sehr für das Thema sensibilisiert.

Ein Argument, das wir immer wieder anbringen, ist die Tatsache, dass Barrierefreiheit und Inklusion in den Museen tatsächlich allen zu Gute kommen. Das Tastmodell ist nicht nur für Menschen mit Sehbehinderung interessant, denn alle fassen es gern an. Wir sehen oft, dass solche Angebote der Renner sind, wenn sie denn geschaffen werden.

Neulich erzählte mir eine Museumsmitarbeiterin über eine Sonderausstellung, dass sich 70 % der Besucher*innen für das Begleitheft in Leichter Sprache entschieden, weil sie ihn einfach besser fanden. Es ging um Moderne Kunst, also ein Thema, das für vielen Menschen schwer zugänglich ist. Solche Fälle bestätigen mir, dass das der richtige Weg ist.

Das smac in Chemnitz bietet beispielsweise Führungen in Leichter Sprache an. Ich finde es sehr bewundernswert und anspruchsvoll, das mündlich umzusetzen.

Klinge: Wir sind grundsätzlich diejenigen, die das Konzept zu einer Ausstellung erdenken. Aber wir bekommen auch andere Anfragen, zum Beispiel letztes Jahr. Da wurde spontan ein Lektorat von Ausstellungstexten in Einfacher Sprache, nicht in Leichter Sprache, benötigt.

Wir versuchen, das Thema bewusst an unsere Kunden heranzutragen. Das ist oft nicht so einfach, weil gleich am Anfang eine kleine Barriere überwunden werden muss. So habe ich es etwa Anfang des Jahres in einem Schlossmuseum erlebt: „Wir haben gerade umgebaut. Der Fahrstuhl ist da hinten, und die anderen Bereiche können wir nicht erschließen.“ Und damit war das Thema abgehakt. Da haben wir erstmal viel geredet und erklärt, dass es nicht nur um eine Besuchergruppe geht, sondern um ganz viele.

Susanne hat jetzt einen Ansatz vorgelegt, der wirklich handlungsorientiert ist. Es geht darum, was ein Inklusionskonzept braucht, welche Komponenten es haben kann und welche Handlungsfelder es gibt. So kann man die große Menge an Informationen auf Päckchen aufteilen und leichter kommunizieren. Wir versuchen einen nachhaltigen, ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen. Alles andere ist sinnlos. Denn dann kommt beispielsweise Fördergeld für eine Tast-Station, alles muss ganz schnell gehen, und am Ende ist die Enttäuschung groß. Das Angebot wird nicht angenommen, die Besucher*innen kommen nicht, oder finden es furchtbar. Deshalb betonen wir, wie wichtig es ist, wirklich planvoll vorzugehen. Diese einzelnen Handlungsfelder des inklusiven Museums wollen verzahnt werden. Wenn ich mir über das eine Handlungsfeld Gedanken mache, muss ich die anderen Handlungsfelder wenigstens im Hinterkopf haben.

Die Ausstellungsgestaltung kann zwar ganz toll und inklusiv sein, aber wenn sich eine Person mit Sehbehinderung im Museum nicht orientieren kann, weil es kein Leitsystem gibt, dann verpufft der positive Effekt. Diese Person kann vielleicht gar nicht erst die Webseite lesen. Diesen Gedanken versuchen wir in die Welt zu tragen, und bei Anfragen für Ausstellungskonzepte gleich mitzudenken. Unser Ziel ist es, dass Inklusion bei der Konzeption selbstverständlich wird.

Oesterreich: Astrid hat das kürzlich schön zusammengefasst, als wir über unseren Blog-Artikel zum  Inklusionskonzept gesprochen haben. Sie meinte, eigentlich sei das Inklusionskonzept selbst nicht mehr inklusiv, weil es das Thema so hervorhebt. In 10 oder 20 Jahren brauchen wir hoffentlich kein Inklusionskonzept mehr, weil Inklusion so selbstverständlich ist.

Wir versuchen, unseren Auftraggebern zu sagen: Wir denken Inklusion mit, auch wenn nicht alles auf einen Schlag gemacht wird. Aber es empfiehlt sich beispielsweise, Platz in der Ausstellung zu lassen, so dass später ein Text in Brailleschrift angebracht werden kann, oder ein Bildschirm, um Inhalte in Gebärdensprache zu zeigen.

Ich muss mir schon jetzt überlegen, wie viel Platz ich brauche. Denn dann kann ich die Idee auch später umsetzen. Aber wenn ich es jetzt nicht mitdenke, ist später kein Platz mehr an der Wand.

Klinge: Leider hatten wir bisher noch keine Gelegenheit, eine Ausstellung komplett inklusiv konzipieren zu können. Das zu tun, also einen entsprechenden Auftraggeber zu finden, wäre für uns ein großartiger Meilenstein.

Es gibt gerade eine Ausschreibung für eine Ausstellung, die wir gern gewinnen würden. Die Auftraggeber wollen das Museum neu erfinden und zukunftsfähig machen. In ihrer Idee tauchte Inklusion allerdings erstmal nicht auf.  Wir haben dafür eine Konzeptskizze entworfen, die inklusiv und stufenweise realisierbar ist. Mal sehen, wie das ankommt.

Wir hätten es dann mit 1000 m2 Ausstellungsfläche zu tun. Das erfordert ohnehin schon ein hohes Budget für die Gesamtumsetzung, und man muss schauen, wie sich das auf die inklusive Umsetzung auswirkt. Wobei ich nicht glaube, dass die Mehrkosten allzu hoch sein werden. Oft ist es gerade die konzeptionelle Mehrarbeit, die am Anfang Mehrkosten mit sich bringt.

Da eine inklusive Gestaltung mit besonderen Vorgaben einhergeht, hören wir oft den Vorbehalt, dass die Ästhetik darunter leide. Zum Beispiel sähe die große Schrift nicht gut aus, und man bekäme die Textmenge nicht unter, oder man sei in der künstlerischen Freiheit eingeschränkt, wenn bei der Farbgestaltung auf höhere Kontraste geachtet werden müsse. Und die Vitrinen dürfen nicht zu hoch sein, denn sonst können Rollstuhlfahrer*innen nicht mehr hineinschauen. Es ist ohne Frage herausfordernd, gute inklusive Lösungen zu finden, die gleichzeitig auch ästhetisch ansprechend sind. Aber wir sehen das nicht als Beschränkung, sondern als Chance. Hier kann man wirklich innovativ und kreativ  arbeiten.

Oesterreich: Es ist wichtig von Anfang an die Zielgruppen miteinzubeziehen. Als wir am Anfang unserer Arbeit standen, haben wir selbst die Fühler ausgestreckt und wollten wissen, wie die Zielgruppe Museen wahrnimmt. Wir waren z. B. in der DZB in Leipzig und haben darüber geredet, warum die Menschen gern in Ausstellungen gehen, was ihnen daran gefällt und was nicht. Wir haben dort auch unseren Workshop „Museum für alle. Wege zum inklusiven Museum“ vorgestellt und gefragt, ob die anderen ihn sinnvoll finden.

Ein ähnliches Treffen hatten wir mit der Diakonie in einer Gruppe mit Menschen mit Lernschwierigkeiten. Das war auch toll, denn erst da haben wir so richtig begriffen, dass die Menschen Lust auf inklusive Museumsangebote haben.

Wir haben da bisher durchweg gute Erfahrungen gemacht. Wir empfehlen auch, sich in der eigenen Stadt oder Region Partner zu suchen, mit denen die inklusive Umsetzung geprüft werden kann. Man muss es ausprobieren. Es wird immer auch Fehlschläge geben, und nicht jede tolle Idee ist in der Praxis immer noch gut.

Es lohnt sich auch immer zu schauen, was die Kolleg*innen machen. Es gibt in Sachsen einige Museen, die in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion schon einiges umgesetzt haben. Zum Beispiel im Deutschen Hygienemuseum in Dresden oder das smac in Chemnitz. Auch im Bachmuseum in Leipzig kann man sich einiges abschauen.